Hessenschau berichtete über hessische Artotheken

Die Hessenschau berichtete am 13. Dez. 2021 über die zahlreichen Artotheken in Hessen …

„Wieso nicht mal die eigenen vier Wände mit zeitgenössischer Kunst veredeln? In Artotheken kann man Werke ausleihen wie Bücher in Bibliotheken. In einigen Orten Hessens ist das möglich – unter anderem im „Louvre der Rhön“.

Wer sein trautes Heim mit Kunstwerken schmücken möchte, kann das ganz unkompliziert tun: Einfach für eine Weile ausleihen, ausprobieren und wirken lassen. Dann zeigt sich, ob das gute Stück auch daheim gefällt – oder man sich schnell daran satt sieht. Denn Kunstwerke lassen sich auch ausleihen. Wie ein Buch aus einer Bibliothek. Die Einrichtungen nennen sich Artotheken. Dort gibt es Kunst auf Zeit für kleines Geld – womöglich für junge Menschen mit schmalem Budget interessant.

In der Rhön befindet sich nach eigenen Angaben eine der größten Artotheken Deutschlands. Sie gehört zur Kunststation Kleinsassen in Hofbieber (Fulda). Dort wird seit über 40 Jahren zeitgenössische Kunst aus dem In- und Ausland präsentiert. Besucher können in der angeschlossenen Artothek aus der Fülle von mehr als 1.000 Exponaten wählen. Nach Umbauarbeiten, die vom Land Hessen mitfinanziert wurden, erstrahlt die Artothek nun in neuem Glanz.

Keine Provinz: „Louvre der Rhön“

Die Leiterin der Einrichtung, Monika Ebertowski, ist auf die Vielfalt sichtlich stolz und sagt: „Die Kunststation wird auch Louvre der Rhön genannt.“ Sich mit dem weltberühmten Pariser Museum zu vergleichen, klingt womöglich etwas vermessen. Aber feststeht, dass immer wieder ein internationales Publikum den Weg in das kleine Malerdorf Kleinsassen findet.

„Viele Menschen sind ganz überrascht, dass man solch eine Institution im ländlichen Bereich findet. Das ist alles andere als künstlerische Provinz hier“, betont Ebertowski. Und der Clou für Kunst-Begeisterte oder Menschen, die es werden wollen: Sie können Kunst nicht nur in den zahlreichen Ausstellungen anschauen, sondern auch kaufen oder erstmal nur ausleihen. Ein Prinzip, dass sich viele Häuser bundesweit mittlerweile zunutze machen, weil es weniger verbindlich und folgenschwer ist.

Kunst unters Volk bringen

„Unser Ziel ist es, Kunst unters Volk zu bringen“, sagt Ebertowski. Viele Werke von Künstlern, die im Laufe der Jahrzehnte schon ausgestellt wurden, kann man auch ausleihen. Sie sind in der Artothek an herausfahrbaren Gitterwänden zur Ansicht angebracht. Zur Auswahl stehen Gemälde mit verschiedenen Maltechniken und Stilrichtungen, sowie Grafiken, Drucke, Collagen und Fotografien.

Auf einem Monitor kann man in den Werken stöbern und mit Stichwörtern nach passenden Stücken suchen. Wer etwas zum Ausleihen gefunden hat, muss eine Gebühr zahlen. Sie variiert zwischen fünf und zehn Prozent des Kaufpreises und liegt mindestens bei 36 Euro pro Jahr. Geliehen werden die Exponate meist für die Dauer zwischen ein und drei Jahren. Wer später kauft, bekommt die Leihgebühr angerechnet. Und wer nicht in die Rhön zum Kunst-Shoppen fahren mag, kann es sich auch schicken lassen.

Originale und Abwechslung

Der Vorteil für die Kunden beim Leihgeschäft: „Sie haben Kunst im Original zu Hause hängen und müssen dafür nicht mal tief in die Tasche greifen. Und vor allem können sie immer wieder für Abwechslung sorgen“, erklärt Ebertowski. Das Angebot werde sehr gut angenommen. „Wir haben viel Stammkundschaft, die aus ganz Deutschland und darüber hinaus immer wieder herkommt.“

Zu den Kunden zählen neben Privatleuten zum Beispiel auch Kanzleien, Arztpraxen und Firmen, die ihren Räumen eine künstlerische Note verleihen wollen. Zu den im Repertoire vertretenen Künstlern zählen etwa Abi Shek, Christian Rothmann, Veronika Dutt, Bernd Baldus, Johannes Grützke, Willi Sitte (1921-2013), aber auch Drucke von weltberühmten Künstlern wie Salvador Dali.

Verliebt in die „falschen Bilder“

Kunstliebhaberin Sonja Reith kommt seit Jahren in die Kunststation. Die 43-Jährige wohnt in der Nähe und mag die Artothek: „Hier gibt es eine fantastische Bandbreite von Künstlern und Stilen. Daheim kann ich auch erstmal schauen, ob und wie’s reinpasst.“

Reith hat schon mehrfach Werke fürs Wohnzimmer geliehen. „Zwei Bilder und eine Skulptur. Wenn ich mich dann in ein Bild verliebt habe, kann ich es kaufen“, schildert die Hobby-Malerin den Reiz des Prinzips. Nur leider verliebe sie sich oft in die falschen Bilder, sagt die Nachhilfe-Lehrerin etwas geknickt mit Blick auf vierstellige Preisschilder. Aber eine Leihgabe sei ja auch schön, biete Abwechslung und sei ungemein inspirierend.

Zu den beliebtesten Motiven für die Artothek-Besucher gehören zum Beispiel Landschaftsmotive aus der Rhön. „Und die Ansichten der nahe gelegenen Milseburg sind der Renner“, berichtet Ebertowski.

„Das Rote Pferd ist der Knaller“

In der Artothek des Marburger Kunstvereins ist das wohl gefragteste Werk ein Bild des deutschen Malers A.R. Penck. „Das Rote Pferd ist der Knaller – das wollen alle haben. Kaum kommt es zurück, ist es auch schon wieder ausgeliehen“, beobachtet die Leiterin der Artothek, Gisela Wengler.

Und auch für die dortige Marburger Artothek gilt: Wer an Kunst kommen will, muss dafür vorher keine Bank ausrauben. „Die Leihgebühren sind extrem günstig und liegen zwischen 2,50 und 5 Euro pro Monat für ein Werk“, erläutert Wengler. Spätestens nach sechs Monaten müssen Mieter die Werke wieder zurückbringen. Gewinne will der Kunstverein nicht erwirtschaften. „Unser Vereinszweck ist, den Bürgern zeitgenössische Kunst zu vermitteln.“

Artothek will Besuchern die Schwellenangst nehmen

„Dass es Artotheken gibt, hat sich offenbar noch nicht so herumgesprochen“, findet Wengler. Sie beobachtet zudem bei vielen Menschen eine Schwellenangst, in Galerien zu gehen und sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen. „Die sagen sich: Hilfe, da habe ich doch gar keine Ahnung!“ Doch wer einmal damit begonnen habe, sich Kunst auszuleihen, werde mit zunehmender Zeit auch experimentierfreudiger.

Manch einer sucht nach bekannteren Künstlern. In Marburg finden sich auch Malereien von Sigmar Polke (1941-2010) und Martin Noël (1956-2010). Andere Besucher gehen profaner an die Suche heran und schauen, was gerade zur Inneneinrichtung daheim passt, wie Wengler berichtet. „Da sagt sich manch einer: Jetzt ist Winter – ich brauche mehr Farbe im Haus.“

Quelle: www.hessenschau.de

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